Engagierter Pädagoge mit Liebe zur Lyrik

by Esslinger Zeitung/D. Weinberg
Juli 29, 2015

ES-OBERESSLINGEN: Rektor Wolfgang Baumann sagt den Schülerinnen und Schülern der Lerchenäckerschule heute auf Wiedersehen

Beim Afrikatag der Lerchenäckerschule reiht sich Rektor Wolfgang Baumann gut gelaunt in die Polonaise ein. Auch wenn er sich auf den Ruhestand freut, wird er seine Schülerinnen und Schüler vermissen. Foto: Kaier

Von Dagmar Weinberg

Ob er bei den Kleinen in der Grundschule aushilft oder die Werkrealschüler auf ihren Abschluss vorbereitet: Bei der Arbeit mit seinen Schülerinnen und Schülern geht Wolfgang Baumann das Herz auf. Dass der Rektor seinen Lerchenäckerschülern heute dennoch adieu sagt und in den Ruhestand geht, hat allein gesundheitliche Gründe. Der Schulleiter war schwer erkrankt. „Zurzeit sieht alles sehr gut aus und ich habe wieder viel Lebensqualität“, freut sich der 62-jährige. „Und die möchte ich nutzen, um mit meiner Frau zu verreisen.“ Ein Ziel steht schon fest: „Im nächsten Jahr werden wir im Juni für zwei Monate mit dem Wohnmobil nach Norwegen fahren.“ Auch die Kontakte, die er vor Jahren im Rahmen des Comenius-Projekts an der Oberesslinger Herderschule zu Kolleginnen und Kollegen in Spanien und Polen geknüpft hat, möchte der umgängliche Pädagoge wieder intensivieren.

 

Im Gemeinderat aktiv

„Ich werde im Ruhestand also in kein Loch fallen“ - zumal der zweifache Vater neben Familie und Beruf sowie dem Engagement in der evangelischen Kirche seit 1989 für die SPD im Reichenbacher Gemeinderat sitzt. Als Junglehrer war er in den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt und sollte am Ende 20 Jahre an der Lützelbachschule bleiben. „Dort hatte ich große Freiräume.“ Die hat er unter anderem für die Medienarbeit genutzt und eine Mädchen-Video-AG gegründet. Mit ihrem für Grundschulkinder konzipierten Film über den Jahreslauf eines Landwirts haben die Mädels dann auf Landes- wie auf Bundesebene an Schülerfilmfestivals teilgenommen. Auch dem dunklen Kapitel der Ortsgeschichte hat er sich damals zugewandt und an Joachim Scherriebles Buch „Reichenbach unterm Hakenkreuz“ mitgearbeitet.

Dass er Lehrer geworden ist, hat mit seinen Erfahrungen in der Jugendarbeit des Hochdorfer CVJM zu tun. „Das hat mich sehr geprägt.“ Zwar hatte der gebürtige Göppinger nach dem Abi zunächst mit der Theologie geliebäugelt. „Da hätte ich aber alle drei alten Sprachen nachholen müssen.“ Da die Lyrik zu seinen Steckenpferden gehört - die möchte er im Ruhestand wieder mehr hegen und pflegen - studierte er schließlich von 1973 bis 1976 Deutsch und Religion an der Esslinger PH. Dort hat er den Umzug der Hochschule von der Stadtmitte in die Flandernstraße miterlebt und als „Pendler“ zwischen den beiden Standorten Erfahrungen gesammelt, die ihm viele Jahre später als Rektor der Herderschule zugutekamen.

Schwächeren eine Chance geben

„Es war nicht ganz einfach, den Hauptschulzweig der Herderschule mit dem der Lerchenäckerschule zusammenzuführen. In den zwei Jahren haben mein Kollegium und ich aber die Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, an zwei Standorten zu arbeiten, wenn man es gut organisiert“, sagt er heute. Wie man Schule organisiert, hat der engagierte Pädagoge nicht nur während seiner Konrektorenzeit an der Esslinger Schillerschule gelernt. Neben dem Rektorenamt an der Herderschule hat er an der Uni Kaiserslautern ein Fernstudium im Schulmanagement absolviert und als Master abgeschlossen. „Mein Sohn hat damals Abi gemacht, und da wollte ich schauen, ob ich auch noch ein Studium hinkriege.“

Die Doppelbelastung hat Wolfgang Baumann ebenso gemeistert wie die rasante Veränderung der Esslinger Schullandschaft, die ihn vor viele neue Herausforderungen gestellt hat. Der Umbau zur Ganztagsschule war dem Pädagogen vor allem mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit wichtig. „Es geht ja nicht nur um schulische Bildung, sondern um Lebensbildung. Durch die externen Partner kann man Bildung in der Ganztagsschule auf ganz andere Füße stellen. Und wir haben viel mehr Möglichkeiten, auch schwächeren Schülern eine Chance zu bieten.“

Keine Zukunft für Werkrealschulen

Seit er vor fast 40 Jahren in den Schuldienst gegangen ist, „haben sich die Kinder zwar nicht verändert“. Wohl aber ihr Umfeld. Die Familien sind kleiner geworden, was das soziale Miteinander nicht leichter macht. „Es gibt eine regelrechte Verwöhnkultur, die vielen Kindern nicht guttut, weil sie sich nicht mehr anstrengen müssen, um etwas zu bekommen“, stellt der scheidende Rektor fest. Und dann sind da noch die modernen Medien mit ihren sozialen Netzwerken. „Die Kinder tun sich sehr schwer damit, sie so zu nutzen, wie sie eigentlich gedacht sind.“

Gerne hätte Wolfgang Baumann die Lerchenäckerschule gemeinsam mit seinem Kollegium zur Gemeinschaftsschule umgebaut. Dass dies abgelehnt wurde, bedauert er. „Angesichts der stetig sinkenden Schülerzahlen haben die Werkrealschulen keine Zukunft mehr“, ist er sich sicher. „Am Ende werden wir nur noch Gymnasien, Gemeinschaftsschulen und Realschulen haben, an denen man auch den Hauptschulabschluss machen kann.“ Wie es mit seiner Schule in den Lerchenäckern weitergeht, wird der 62-Jährige künftig aus der Ferne beobachten. Auch wenn er sich auf das, was vor ihm liegt, freut, schwingt auch viel Wehmut mit. „Denn ich bin jeden Tag mit viel Freude in die Schule gekommen.“

 

Artikel vom 29.07.2015 © Eßlinger Zeitung

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